Fleischkonsum 2.0

Kürzlich erhielt ich eine Email von einer PR-Agentur. Die Dame beschrieb mir in schönen Worten eine neue Kampagne der Branchenorganisation für Schweizer Fleischwirtschaft namens „Nose to Tail“. Ausführlich erklärte sie mir, was sich hinter dieser Redewendung verbirgt und warum auch ich mich als Bloggerin dafür einsetzen müsse…

Mit einer nationalen Kampagne sollen Herr und Frau Schweizer die Stücke abseits von der Rückenpartie wieder schmackhaft gemacht werden. Nachdem man uns Kunden jahrelang eingetrichtert hatte, nur das zartestes Fleisch junger Tiere verdiene unsere Aufmerksamkeit, weht nun offensichtlich ein anderer Wind.

Einige Fragen brennen mir dazu in der Kehle: Ist das einseitige Konsumverhalten wirklich allein uns Privatpersonen zuzuschreiben? Oder trägt nicht auch die Industrie mit ihrem Mangel sich auf wandelnde Kundenbedürfnisse einzustellen, Mitschuld? Und wollen die Initanten mit der Kampagne „Nose to Tail“ wirklich etwas am Markt verändern oder nur das eigene Image polieren?

Sinkender Fleischkonsum. Mehr vegan.

Fleisch essen ist nicht mehr sexy. Die steigende Nachfrage nach nicht-tierischen Lebensmitteln ist doch auch ein Indiz, wie viele Leute heute mit dem Fleischkonsum hadern.

Ich glaube, wir sind zu weit weg von der Produktion unserer Nahrung. Wenn uns doch einmal für einen kurzen Augenblick die Realität, sei es in einem Zeitungsbericht oder einer Fernsehreportage einholt, dann erwischt es uns eiskalt.

Auch die Schweizer Landwirtschaft ist kein romantischer Spaziergang.

Und ganz ehrlich: so ging es mir auch! Ich drosselte meinen Fleischkonsum. Ich hatte Gewissensbisse den Tieren gegenüber. Erst als ich mich ganz intensiv mit der Materie beschäftigte, als ich hinter dem Muskelfleisch ein Tier sah mit Ohren, Herz und zwei Augen – eines, das in meinen Augen ein artgerechtes Leben geführt hatte, schnell und möglichst respektvoll getötet wurde und alles verwertet wird – erst jetzt erscheint es mir wieder ehrlich. Trotzdem esse ich auch jetzt nicht jeden Tag Fleisch.

Ganz am Anfang meiner kulinarischen Entdeckungsreise mit diesem Blog stand Fergus Henderson mit seiner Liebe zu Innereienküche. Doch inzwischen will ich mehr erreichen, als nur ein paar Rezepte mit Herz oder Hirn ins Netz streuen. Ich möchte, dass wir uns mehr mit unserem Essen beschäftigen und fragen, wo es herkommt. 

Fleisch ist nicht gleich Fleisch.

Wurde eine Kuh mit Soja aus Südamerika gefüttert oder durfte sie auf der Wiese mit ihren Kälber grasen und im Winter Heu fressen? Welcher Rasse gehörte das Tier an? Zu einer Rasse, die in unser Klima passt? Ein Tier, das sich hier im Alpenraum wohl fühlt und unsere Kulturlandschaft pflegt?

Gemüse für alle!

Wenn mir ein Vegetarier sagt, er verachte Massentierhaltung, dann antworte ich: klar, ich doch auch! Und wenn er mir zeigt, was man für grossartige Gerichte ohne Fleisch kochen kann, dann bin ich als Erste mit dabei. Beim Essen geht doch um den Genuss. Ich bin seit langem ein riesiger Fan von Ottolenghis Gemüseküche. Ich besitze zwei seiner Kochbücher und benutze sie regelmässig. Es brauchte diese Vegi-Revolution zur einer neuen, zeitgemässen Gemüseküche – nun ist sie frisch und aufregend. Und das für jedermann.

Ein Tier ist mehr als Fleisch.

Doch die Viehzucht und damit verbundenen Landschaften, Bräuche, Handwerk… das alles hat in der Schweiz teils eine Jahrhunderte alte Tradition. Ich möchte nicht alles aufgeben! Den Nutztieren verdanken wir nämlich weitaus mehr als „nur“ Fleisch. Sie sind in meinen Augen sogar Teil unserer Identität.

Ich bin mit einigem, was in der Landwirtschaft und in der Lebensmittelindustrie passiert unglücklich. Ich liebe Tiere und ich möchte, dass wir ihnen mit einem artgerechten Leben, den nötigen Respekt zollen.

Mit jedem Einkauf beeinflussen wir den Markt. Wir haben es in der Hand, was und auch wo wir einkaufen.

Und bevor jetzt wieder ein Sturm über mich hereinbricht: nein, niemand soll wieder mehr Fleisch essen, sondern…

… bewusst, genussvoll vom Schnörrli bis zum Schwänzli!

Das ist für mich from nose to tail eating.

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