Meine erste Schlachtung – Teil 1

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Einmal pro Woche fuhren die Bauern der benachbarten Höfe mit ihren Rindern zur Dorfmetzg, wo auch mein Schulweg entlang führte. Ich erinnere mich an den speziellen Geruch und an die Container voll mit Schlachtabfällen.

Doch die Zeiten änderten sich. Die Vorschriften wurden stetig verschärft. Die kleine Metzgereien lagerten die Arbeit an grosse Schlachthöfe aus. Die Fleischvitrinen in Migros und Coop wurden vielerorts mit Kühlregalen ersetzt, gefüllt mit fertigportioniertem, in Plastik eingeschweissten Gehacktem, Geschnetzeltem und Filet. Die Grossverteiler fingen an, Metzger auszubilden, die mehr Verkäufer als Fleischer sind; Metzger, die kein Tier mehr entbeinen können. Warum auch? Viele Konsumenten wollen in den Filialen keine grossen Fleischstücke mehr sehen. Nichts darf ans Tier erinnern, und das schlechte Gewissen wird mit schönen Bildchen von glücklichen Freilandschweinchen und Weiderindern auf kleinen, idyllischen Höfen verdrängt.

Ich verlor den Bezug zwischen dem Ding auf dem Teller und dem Tier im Stall. Gleichzeitig fühlte es sich aber für mich nicht mehr richtig an, dieses anonyme Fleisch zu essen. Der Wunsch wuchs, eine Schlachtung mit eigenen Augen zu sehen. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr fürchtete ich mich vor der Wahrheit.  Mir sind Tiere weder gleichgültig, noch bin ich ein blutrünstiger Mensch. Ich liebe Tiere – insbesondere unsere Nutztiere. Aber sie müssen irgendwann sterben. Aus diesem Grund leben sie.

Meine erste Schlachtung bekam ich dann sehr unverhofft (ungewollt?) zu Weihnachten geschenkt. Mein Arbeitskollege vereinbarte einen Termin auf dem Hof seiner Eltern. Sein Vater leitet einen dieser grossen Bio-Landwirtschaftsbetriebe mit über 1000 Hektaren Nutzfläche im Osten Deutschlands. Mir zuliebe sollte ein Schwein direkt auf dem Hof sein Leben lassen. Dieses hatte 7 Monate lang ein angenehmes Leben geführt; mit Strohbett, viel Platz, Auslauf, Licht und frischer Luft sowie Biofutter ad libitum.

Es hat sich wohl jeder in diesem Dorf gefragt, warum eine junge Frau extra aus der Schweiz anreist, nur um ein Tier sterben zu sehen. Persönlich glaube ich aber, dass es sehr vielen Menschen geht wie mir. Diesen Leuten widme ich den folgenden Bericht.

 

 

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An jenem Morgen im April war es bitterkalt. Bloss 4 Grad zeigte das Thermometer um 7 Uhr morgens. Das sei auch gut so wegen der Fliegen und Insekten, sagten die Beteiligten. Geschlachtet wurde in einem speziellen Gebäude. Ein kleines Schlachthaus wurde eigens für Hofschlachtungen vor 15 Jahren eingerichtet und hat eine amtliche Zulassung.

Bei meinem Eintreffen wartete der Borg, wie man einen kastrierten Eber nennt, ganz ruhig im Anhänger. Mir fiel es schwer hinzuschauen. Er war so ein sauberes und hübsches Marzipanschwein.

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Wir waren zu fünft. Ein Metzger, ein Helfer, der Leiter des Landwirtschaftsbetriebs, mein Arbeitskollege und ich. Alles ging ganz schnell. Der Metzger stieg in den Anhänger, befestigte einen Strick um den Hinterlauf und trieb das Tier die wenigen Meter bis ins Gebäude. Aus einem grosser Bottich mit kochendem Wasser stieg Dampf und benebelte den Raum. Schnell wurde der Strick an einem in der Wand montierten Eisenring geknotet. Der Metzger und der Helfer trieben den Borg gegen die Wand. Das Schwein, etwas verunsichert, fing an zu grunzen, doch dann setzte der Metzger bereits den Bolzenschuss. Die ganze Aktion dauerte keine zwei Minuten. Das wars. In diesem Moment knipste in mir ein Schalter um: Kein süsses Marzipanschweinchen mehr, sondern ab jetzt ein Lebensmittel.

 

DSC_2564 Nach einem tiefen Schnitt in den Hals trat das Blut aus und wurde in einem Becken aufgefangen. Mein Arbeitskollege und ich rührten abwechslungsweise: drei Mal links, drei Mal rechts. Die Nerven des 160 Kilo schweren Schweins zuckten dabei so fest, dass ihn zwei Mann festhalten mussten. Nach einigen Minuten war der Spuk vorbei. Das Blut musste bis zum Abkalten weitergerührt werden. Schaum bildete sich auf der himbeerfarbenen Flüssigkeit (das Entbluten verhindert, dass die Totenstarre eintritt, und das Blut wird weiterverarbeitet).DSC_2600Die Männer hievten das Tier auf eine erhöhte Leiter und begossen das Schwein mit dem kochenden Wasser. Mit einem glockenförmigen Metallgehäuse schabten sie Oberhaut und Borsten ab. Die letzten Haare wurden mit einem grossen Bunsenbrenner weggebrannt. Die Borsten verwendete man früher noch für Pinsel und Bürsten. Heute lohnt sich das nicht mehr. Der Metzger sprach davon, wie sie in den grossen deutschen Schlachthöfen an einem Tag Tausende von Tieren „totgemacht“ haben. Das hier sei so, wie man es früher gemacht habe. Das mache er aus Spass. Der Helfer bemerkte: Spass nicht, aber die Leute müssen halt essen. In der Region wurde immer schon viel Fleisch gegessen. Der sandige Boden eignet sich nur bedingt zum Ackerbau. So ein Schwein ernährte früher eine vierköpfige Familie ein Jahr lang.

DSC_2719DSC_2569Der Metzger entfernte Augen und Ohren. Diese landeten als einige der wenigen Teile im Abfall (könnte man aber auch essen: knusprige Schweinsöhrli).

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An den Sehnen befestigt, hob man das Tier an den hinteren Beinen mit einem Seilzug hoch, und der Metzger schnitt den Eber von oben her auf. Blut floss zu diesem Punkt keines mehr.

DSC_2615Die herausgequollenen Gedärme wurden entfernt, genauso wie die Galle. Anschliessend löste der Metzger an einem Strang einen Grossteil der Innereien inklusive der Zunge. Alles kam sauber und unbeschädigt aus dem Tier. Wisst ihr, was ich in diesem Augenblick gedacht habe? Ein Wunderwerk der Natur. Ich hätte erwartet, dass es im Raum unangenehm riechen würde. Aber das war nicht der Fall.
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Der Tierarzt kam zur Totenschau. Er kontrollierte Zunge, Hirn, Herz und Zwerchfell und verliess uns auch zügig wieder. Alles Routine. Der Helfer zeigte mir das Zwerchfell. An der Farbe würde man sofort erkennen, wenn etwas nicht stimmen würde.

DSC_2660Das Schwein war jetzt eine gute Stunde tot. Wir machten abwechslungsweise eine kurze Kaffeepause und wärmten uns im Nebenraum am Kachelofen. Es gab noch viel zu tun (siehe Teil 2).

Eines möchte ich euch an dieser Stelle schon verraten: eine klare Vorstellung vom Vorgang mit ungeschönten, eindeutigen Bildern nehmen dem Schlachten den Schrecken. Zumindest erging es mir so.

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